Es gibt in der Bildungs- und Psychologiewelt zwei Arten von Begriffen. Die einen sind präzise. Die anderen heißen „Soft Skills“.
Das ist aber ungefähr so präzise wie „irgendwas mit Internet“. Jeder ahnt grob, was gemeint ist – Teamfähigkeit, Selbstorganisation, emotionale Stabilität, kreatives Denken. Also all die Dinge, die darüber entscheiden, ob jemand im echten Leben funktioniert oder nicht. Nur leider hat lange niemand ernsthaft definiert, wie man das strukturiert erfassen soll. Was dazugehört war halt irgendwie immer so ein… Bauchgefühl.
Und genau in diese Lücke passt der BESSI.
BESSI: Ein Inventar für das, was Menschen tatsächlich können
BESSI steht für Behavioral, Emotional, and Social Skills Inventory, also übersetzt in etwa Inventar verhaltensbezogener, emotionaler und sozialer Kompetenzen. Dahinter steckt ein Forschungsprojekt rund um Persönlichkeitspsychologen wie Brent Roberts, Christopher Soto und Christopher Napolitano vom sogenannten Social-Emotional-Behavioral Skills Lab – mit dem erklärten Ziel, etwas Ordnung in das notorisch unaufgeräumte Feld der sozialen und emotionalen Kompetenzen zu bringen.
Bisher liefen ähnliche Konzepte unter mindestens vier verschiedenen Labels: Soft Skills, sozioemotionale Kompetenzen, non-kognitive Fähigkeiten, Charakterstärken. Alles irgendwie verwandt, alles irgendwie relevant – aber selten wirklich trennscharf voneinander abgegrenzt. Der BESSI versucht, das in ein konsistentes, empirisch messbares Modell zu überführen. Klingt trocken, ist es auch ein bisschen… aber es ist die Art von Trockenheit, die man manchmal einfach aushalten muss, da etwas Spannendes dahintersteckt.
Persönlichkeit und Kompetenz sind nicht dasselbe.
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Persönlichkeitstests: BESSI misst nicht, wie jemand typischerweise ist – sondern was jemand kann. Das ist keine Kleinigkeit: Ein Kind kann schüchtern wirken und trotzdem über echte Gesprächs- und Kooperationsfähigkeiten verfügen. Umgekehrt kann jemand mit bester Laune im Raum Schwierigkeiten haben, einen Konflikt konstruktiv zu lösen. Persönlichkeit und Kompetenz sind nicht dasselbe – und genau diese Unterscheidung macht den BESSI diagnostisch interessant.
Was der BESSI misst – und wie
Das Instrument erfasst fünf übergeordnete Kompetenzbereiche: Selbstmanagement, soziales Engagement, Kooperation, emotionale Resilienz und Innovationskompetenz. Unter diesen fünf Bereichen liegen 32 konkrete Kompetenzfacetten – von Zeitmanagement und Impulskontrolle über Perspektivenübernahme bis hin zu kreativer Problemlösung und kultureller Kompetenz.

Die Erhebung funktioniert als Kompetenzinventar: Jedes Item beschreibt ein konkretes Verhalten, die ausfüllende Person schätzt ein, wie gut sie – oder eine andere Person – dieses Verhalten ausführen kann. Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung sind beide möglich, was den BESSI auch für pädagogische Kontexte nutzbar macht, wo Kinder oder Jugendliche die Items noch nicht selbst bearbeiten können.
Praktisch gedacht: Die Vollversion umfasst 192 Items und dauert rund 20 Minuten. Wer es kürzer braucht, greift zur 96-Item-, 45-Item- (ca. 5 Minuten) oder zur 20-Item-Version (ca. 2 Minuten) – die zwei letzteren erfassen nur die fünf Hauptbereiche, aber immerhin. Für Screening-Zwecke oder Verlaufsdiagnostik im Schulalltag ist das ein brauchbarer Kompromiss. Der BESSI ist außerdem in mehreren Sprachen verfügbar, darunter Deutsch.
Was die Forschung dazu sagt
Dass Selbstmanagementkompetenzen mit schulischem Engagement zusammenhängen, klingt nach gesundem Menschenverstand. Ist es auch – aber es ist gut zu wissen, dass diese Annahme auch wissenschaftlich empirisch verifizierbar ist. Weniger selbstverständlich ist ein anderer Befund: Höhere Kompetenzen führen bei Jugendlichen mit spezifischen Lernschwierigkeiten nicht automatisch zu besseren Noten. Der Nutzen liegt woanders – nämlich bei Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und schulischem Engagement sowie sozialer Integration.
Interessant ist auch, was Studien zur Veränderbarkeit zeigen. Soziale und emotionale Kompetenzen sind zwar relativ stabil, aber nicht in Stein gemeißelt. Innerhalb eines Schuljahres verändern sich die Werte im Durchschnitt wenig – einzelne Personen können sich aber deutlich entwickeln, und zwar mit einem auffälligen Aufholeffekt: Wer mit niedrigen Ausgangswerten startet, verändert sich im Mittel eher positiv. Keine Garantie, aber ein gutes Zeichen.
Entwicklungspsychologisch denkt der BESSI außerdem in Phasen. Emotionale Resilienz und Kooperationsfähigkeit nehmen mit dem Alter tendenziell zu. Selbstmanagement und Innovationskompetenz hingegen zeigen im frühen Jugendalter häufig vorübergehende Rückgänge – zeitgleich mit schulischen Übergängen und steigenden Anforderungen. Niedrigere Werte in diesem Zeitfenster sind also nicht automatisch ein Alarmsignal, sondern manchmal schlicht Entwicklung.
Wo steht der BESSI also?
Er ist kein Allheilmittel, und er ersetzt keine qualitative Beobachtung. Aber er bringt etwas mit, das im Bereich der sozialen und emotionalen Kompetenzen selten ist: Struktur, empirische Fundierung und die klare Botschaft, dass diese Fähigkeiten erlernbar und messbar sind. Nicht nur irgendwie fühlbar.
Das macht die Soft Skills dann vielleicht gar nicht mehr ganz so soft.

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