Krasse Überschrift, oder? Das höre ich oft, wenn ich über Datenschutz spreche oder zum Datenschutz referiere. „Wenn man nichts zu verbergen hat, muss man doch auch nicht vorsichtig oder sparsam mit den eigenen Daten umgehen!“ Bei Reddit müsste stilistisch nun ein „/s“ folgen, um den Sarkasmus (über-)deutlich zu machen.
„Herzstück für Ermittlungs-, Fahndungs- und Einsatzmaßnahmen von ICE ist das Fallmanagement-System ICM (…). Im ICM laufen Daten aus der öffentlichen Verwaltung, Behörden und von Zulieferfirmen zusammen. Standortdaten bezieht ICE zum Beispiel von kommerziellen Data Brokern, die Milliarden täglicher Location‑Pings aus unterschiedlichen Quellen, etwa aus Mobilfunk-, App- oder Webdaten aggregieren und verkaufen. Die American Civil Liberties Union (ACLU) konnte über eine Informationsfreiheitsanfrage eine interne ICE-Rechtsanalyse bekommen, aus der hervorgeht, dass für „kommerziell verfügbaren“ Daten keine Warrant‑Pflicht‑Regeln gelten würden, da sie aus „öffentlichen“ oder App‑genehmigten Quellen stammen und nicht als „private“ Telekom‑Daten klassifiziert werden; ICE könne sie somit frei erwerben und abfragen, ohne sich einen Gerichtsbeschluss besorgen zu müssen.“
https://www.heise.de/hintergrund/USA-Die-Architektur-der-Abschiebung-und-Palantirs-Rolle-im-neuen-ICE-System-11152960.html
In den USA ist die gezielte Sammlung und Zusammenfassung von Daten zur systematischen Umsetzung unmenschlichster Gewaltmaßnahmen nicht einmal mehr nur „denkbar“, sondern bereits grausame Realität. Ob eine Argumentation wie die der Überschrift nun wirklich, wie Edward Snowden sagte, Nazi-Rhetorik ist, oder nicht: Sie ist nicht nur aufgrund ihres möglicherweise zweifelhaften Ursprungs unglaublich schlecht! Ob man nämlich etwas „zu verbergen“ hat, hängt nicht vom eigenen Bauchgefühl sondern vom Feindbild der anderen ab.
Wer sich heute noch sicher wähnt, muss morgen längst nicht real in Sicherheit leben. Und das Ausmaß des Datenfußabdrucks, den wir täglich – stündlich, minütlich – hinterlassen, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wir geben diese Daten nicht in großen Gesten preis, sondern in Nebensätzen unseres Alltags:
Beim Entsperren des Smartphones mit dem Gesicht oder Fingerabdruck – ein biometrischer Schlüssel, der unveränderbar ist. Beim schnellen Blick auf die Wetter-App, die unseren Standort im Fünf-Minuten-Takt abfragt. Beim Joggen mit der Fitnessuhr, die Puls, Schlafrhythmus, Stresslevel, Bewegungsprofile und Aufenthaltsorte speichert – und oft in Clouds überträgt, deren Server wir nie gesehen haben.
Wir verraten Gewohnheiten, ohne es zu merken. Die Uhrzeit, zu der wir das Licht ausschalten. Die Dauer unserer Toilettenbesuche über smarte Wassersensoren. Die Kaffeemaschine, die protokolliert, wann wir müde sind. Der Staubsaugerroboter, der Grundrisse unserer Wohnungen erstellt – inklusive der Räume, die wir meiden, und derer, in denen wir uns am häufigsten aufhalten.
Wir erzählen von Beziehungen, ohne aktiv Namen zu nennen. Kontaktlisten, die hochgeladen werden. Chats, deren Metadaten auslesen, wer mit wem wie oft kommuniziert – auch wenn der Inhalt verschlüsselt ist. Emojis, die Rückschlüsse auf Stimmungen zulassen. Lesebestätigungen, die Verfügbarkeit signalisieren. „Zuletzt online um …“ als kleine, alltägliche Offenlegung unseres Lebensrhythmus.
Wir offenbaren unsere Körper. Zyklus-Apps, die intime Gesundheitsdaten speichern. Schlaftracker, die Atemaussetzer erkennen. Suchanfragen nach Symptomen um drei Uhr morgens. Smartwatches, die Herzrhythmusstörungen dokumentieren, bevor wir selbst davon wissen. Ernährungs-Apps, die nicht nur Kalorien zählen, sondern Essstörungen erkennen könnten – wenn jemand hinschaut.
Wir zeigen, was wir denken, noch bevor wir es ausformulieren. Suchmaschinenanfragen, halbfertige Sätze, Tippfehler, gelöschte Eingaben. Autovervollständigungen, die verraten, woran wir wahrscheinlich denken wollten. Likes, die nicht Zustimmung, sondern Neugier bedeuten. Verweildauer auf einem Beitrag als stärkeres Signal als jeder Klick.
Wir liefern Bewegungsprofile im Sekundentakt. Das Smartphone in der Hosentasche. Die Fahrkarte auf dem Handy. Das Auto, das jede Strecke speichert. Die Mautbrücke. Die Kamera am Bahnhof. Das WLAN im Café, das unser Gerät wiedererkennt. Der Supermarkt, der weiß, wie oft wir vorbeikommen, auch wenn wir nichts kaufen.
Wir machen unsere Finanzen transparent. Kontaktloses Bezahlen. Kundenkarten. Abonnements, die nie gekündigt werden. Streamingdienste, die nicht nur wissen, was wir schauen, sondern wann wir abschalten. Online-Banking-Apps, die Gewohnheiten erkennen: Sparen oder nicht sparen. Risiko oder Vorsicht. Regelmäßigkeit oder Chaos.
Wir geben Einblick in unsere Psyche. Playlists für „traurige Abende“. Podcasts zum Einschlafen. Meditations-Apps mit Protokollen unserer inneren Unruhe. Serien, die wir immer wieder starten, ohne sie zu beenden. Suchanfragen nach Sinn, Halt, Auswegen. Kommentare, die wir schreiben – und wieder löschen.
Wir verraten unser soziales Milieu. Die Marken, die wir tragen. Die Preise, bei denen wir zögern. Die Viertel, in denen wir wohnen. Die Restaurants, die wir bewerten. Die Urlaubszeiten, die wir posten – inklusive der Information, dass unsere Wohnung gerade leer steht.
Und all das geschieht nicht gesammelt, sondern vernetzt. Ein Datum hier, ein Muster dort, eine Korrelation an anderer Stelle. Kein einzelner Schritt ist spektakulär. Doch in der Summe entsteht ein erstaunlich präzises Abbild: unserer Routinen, unserer Schwächen, unserer Vorlieben, unserer Ängste.
Wir nennen es Komfort, wir meinen Bequemlichkeit; wir erleben es als Fortschritt – und merken oft erst sehr spät, dass wir uns dabei Stück für Stück selbst beschrieben haben – genauer, als es Worte je könnten.
„It was terribly dangerous to let your thoughts wander when you were in any public place or within range of a telescreen. The smallest thing could give you away. A nervous tic, an unconscious look of anxiety, a habit of muttering to yourself — anything that carried with it the suggestion of abnormality, of having something to hide. In any case, to wear an improper expression on your face (to look incredulous when a victory was announced, for example) was itself a punishable offence.“
George Orwell, 1984
Die Frage ist also nicht, ob wir uns für harmlos halten, die Frage ist, wer morgen definiert, was harmlos ist.
Denn „nichts zu verbergen“ zu haben ist kein stabiler Zustand, sondern eine Momentaufnahme. Heute unauffällig zu sein, garantiert keine Unauffälligkeit morgen. Normen verschieben sich. Machtverhältnisse kippen. Feindbilder entstehen schneller, als sie hinterfragt werden.
Privatsphäre ist also kein Schutzschild für Schuldige, sondern ein Sicherheitsabstand für alle. Sie ist kein Ausdruck von Misstrauen, sondern eine Versicherung gegen Willkür. Wer sie leichtfertig aufgibt, vertraut darauf, dass die Zukunft wohlwollend sein wird – die Geschichte lehrt etwas anderes, die Gegenwart stellt sich anders dar.
Nicht jeder, der seine Tür schließt, plant ein Verbrechen. Ich für meinen Teil möchte einfach selbst entscheiden, wer sie öffnet.

Schreibe einen Kommentar